BalticProducts hat geschrieben:
Was Du über Polen schreibst, stimmt schlicht weg nicht. In Westpolen haben wir eine Annäherung der Kaufkraft von nahezu 1:1 zu Deutschland und trotzdem fahren die Leute, wie Guesch richtig sagt, rüber um dort in die Apotheke zu gehen oder sich behandeln zu lassen.
Du setzt dabei aber voraus, dass der Preis in Polen regional unterschiedlich ist. Ist das so?
Das BIP pro Kopf ist in Deutschland nach wie vor doppelt so hoch wie in Polen. Da gibt es natürlich auch reiche Regionen, aber der polnische Staat muss ja trotzdem an die Gesamtheit seiner Bürger denken und nicht nur an die, die genauso viel verdienen wie Deutsche.
Übrigens gar mit Zustimmung hiesiger Krankenkassen. Sie sprechen nicht ohne Grund ganz offen vom Gesundheitstourismus. Es gibt gar Kassen, die bezahlen ihren Mitgliedern die Fahrtkosten von Berlin nach Stettin weils billiger ist. Es gibt polnische Bürger, die ziehen in die deutsche Uckermark, weil denen in Stettin die Mieten zu hoch sind...
Das ist auch der Sinn der europäischen Politik und irgendwo auch gut so. Es soll dadurch schließlich auch eine Angleichung erreicht werden.
Aus schwedischer Sicht kann man fast froh sein, wenn Gesundheitstourismus aus solchen Gründen erfolgt. Hierzulande ist Gesundheitstourismus oft darin begründet, dass die Warteschlangen zu lang sind. Es kam schon vor, dass man Schwangeren Reisen ins Ausland bezahlt hat, weil in Schweden nicht mehr genügend Plätze zur Verfügung stand.
Und mit dem einzigen Anbieter ist es ganz einfach in den deutschen Sozialgesetzbüchern geregelt. Bei rezeptfreien Medikamenten regelt in der Tat Angebot Nachfrage den Preis. Um die ging es nie!
Ich sprach auch von Generika, nicht nur von rezeptfreien Medikamenten.
Mittlerweile sind 85% aller Verschreibungen Generika.
Verschreibungspflichtige Medikamente und Impfstoffe, werden unter Ägide des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) und den Kassen auf der einen Seite und dem jeweiligen Pharmakonzern oder der Interessenvertretung mehrerer Pharmakonzerne auf der anderen Seite verhandelt. Ist übrigens in Polen, Frankreich u.a. Mitgliedsstaaten der Europäischen Union nicht ohne Grund genauso.
Na also - da haben wirs doch. Polen wird doch bestimmt keinen eigenen Preis für Stettin aushandeln, oder?
Daher kommt ja auch die berechtigte Frage, warum in Deutschland die Arzneimittelkosten im Vergleich zu den Nachbarn am höchsten sind? Denn dies hat nichts mit Kaufkraft zu tun! Allein schon deshalb, weil verschreibungspflichtige Medikamente notwendiger Bestandteil der Therapie sind und damit Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge, es also Aufgabe des Staates ist, im Interesse seiner Bürger dies alles bezahlbar zu machen...
Das ist widersprüchlich. Was bezahlbar ist, hängt unmittelbar von der Kaufkraft ab. Und diese ist in Deutschland im Durchschnitt nach wie vor doppelt so hoch wie in Polen.
Ich denke, man sollte vielleicht die Schweiz als Vergleichsland heranziehen. Dort ist die Kaufkraft höher, aber der Preis wohl niedriger.
Wir sollten auch zwischen dem Preis, den der Endverbraucher an der Apothekenkasse zahlt, und dem tatsächlichen Preis (d.h. ohne Zuzahlung der Krankenkasse) unterscheiden. Die Zuzahlung beträgt maximal 10 € in Deutschland. Soviel zahlt man in Schweden oft auch, wobei hier die Subventionsregeln anscheinend komplizierter sind.
Ureigenste Aufgabe des BMG ist es, im Interesse des Volkes, die Arzneimittelkosten in einem vernünftigem Niveau zu halten. Und wenn ich jetzt die Gewinne von Glaxo Smith Cline wegen der SG im III.Quartal 09 auf der einen Seite sehe und auf der anderen Seite sehe, von welch geringem Betrag ein HartzIV Empfänger ohne Chance auf Arbeit über die Runden kommen muss, dann sei die Frage gestattet, ob das unter moralisch ethischen Gesichtspunkten in Ordnung ist?
Genauso könnte man fragen, ob es ethisch vertretbar ist, den Banken für ihre Hybris Milliarden von Euro in den Hintern zu blasen, während die Armut wächst.
Das gegeneinander aufzuwiegen führt ins Nirgendwo. Nur weil das eine schlimmer wirkt, ist das andere noch lange nicht unnötig. Wenn man, so wie du, der Meinung ist, der ganze Impfstoffeinkauf sei vollkommen unnötig gewesen, dann kann man natürlich so argumentieren. Wenn man hingegen, so wie ich, der Meinung ist, dass es gute Gründe für den Einkauf gibt, dann ist das eine ungewollte, aber notwendige Ausgabe. Sturmschäden behebt man ja auch, selbst wenn man eigentlich kein Geld dafür übrig hat.
Im Übrigen ist es auch gar nicht der Zweck von Hartz IV, den Leuten ein komfortables Leben zu bieten. Es ist eine Sicherung des Existenzminimums, nicht mehr und nicht weniger. Es macht keinen Spaß, von Hartz IV zu leben, weil es auch gar keinen Spaß machen soll. Insofern widerspricht es der Idee hinter Hartz IV, mehr Geld zu geben als unbedingt nötig. Daran wird auch die neue Regierung nichts ändern. Das lustige an der neuen Regierung ist, dass die Erhöhung des Schonvermögens als soziale Wohltat gefeiert wird. Dabei hilft das nur denen, die vorher überhaupt ein zu schonendes Vermögen hatten, und das sind die Leute der Mittelschicht, aber bestimmt nicht das Prekariat.