Paddlers Paradies / West-Jämtland

Antworten
Benutzeravatar
kanot
Beiträge: 210
Registriert: 22. Oktober 2006 18:15
Wohnort: Westliches Härjedalen, mitten im Wald.
Danksagung erhalten: 4 Mal

Paddlers Paradies / West-Jämtland

Beitrag von kanot »

Liebe Schweden-Freunde,

hier habe ich etwas, dass euch vielleicht interessieren könnte. Es ist ein Bericht über eine Gegend in West-Jämtland, die von vielen übersehen wird, da sie etwas abseits der gängigen Touristenrouten liegt.

Zwar richtet sich der Bericht in erster Linie an die Paddler unter den Schweden-Fahrern, aber auch jeder andere, der das schwedische Fjäll mag, wird ebenso angetan sein von der schönen Landschaft, die sowohl dem Freund ländlicher Idylle, als auch dem Vildmark-Spezi einiges zu bieten hat.

Diesen Bericht hatte ich vor etwa drei Jahren für die Zeitschrift Kanu-Sport geschrieben. Dem Redakteur gefiel er so nicht, also schrieb ich ihn um und er nahm ihn dankend an. Nach einem Jahr war der Bericht immer noch nicht veröffentlicht und ein Zeitpunkt dafür war wohl auch noch nicht wirklich geplant. Auf meine Anfragen bekam ich keine Antworten, als zog ich sehr verärgert mein „Werk“ wieder ein.

Da er ja auch seinen Zweck erfüllen soll, mache ich ihn hiermit und an dieser Stelle öffentlich. Nun liegt er also vor euch, dieser Bericht. Ich habe ihn wieder in die alte „Form“ gebracht, was mir ja als geistigem Eigentümer zusteht, denn mir gefällt er besser so. Ob er nun schlecht „gemacht“ ist oder nicht, überlasse ich dem „Auge des Betrachters“. Ich denke mir, er kann zumindest dem einen oder anderen von euch bei der Urlaubsplanung nützlich sein. Er ist auch noch aktuell. Alle von mir beschriebenen Einrichtungen und Unterkünfte gibt es noch. Ich überprüfe das regelmäßig selbst, denn dies ist eine der Gegenden, in der ich selbst gern ein paar tage Urlaub mache, wenn mir in meiner Wahlheimat Härjedalen mal „der Himmel auf den Kopf fällt“.

So, jetzt wünsche ich Euch viel Spaß beim lesen!

Peter



Paddlers Paradies - Oberes Kall-Gebiet / West-Jämtland

Sie mögen keine dünn besiedelten Landschaften mit auch im Sommer noch schneebedeckten Bergen, mit Hochmooren, alten, geheimnisvollen Wäldern und einer Vielzahl von einsamen, weiten Seen? Sie fürchten sich vor eventuellen Begegnungen mit Bären, Luchsen, Vielfraßen oder Wölfen? Es bereitet Ihnen Unbehagen, keine anderen Kanuten in Sicht- oder Hörweite zu haben? Dann überblättern Sie einfach diesen Bericht und verbringen Ihren Paddelurlaub besser im zahmeren und kanutouristisch erschlosseneren Süden des Landes, falls Sie denn überhaupt nach Schweden reisen möchten.

Gehören Sie aber zu denjenigen, die – wie ich – mit dem Boot auf dem Autodach, der Karte in der Hand und dem Abenteuer im Kopf über abgelegene und bucklige Schotterstrassen durch das Hinterland ziehen, immer auf der Suche nach Naturerlebnissen auf den Seen und Flüssen möglichst wilder und menschenleerer Landstriche, dann könnte Ihnen mein Bericht bei der Planung Ihres nächsten Urlaubs vielleicht „Appetit“ auf eine der – so meine ich – schönsten Gegenden Schwedens machen.

Bild

Das obere Kall-Gebiet, wie es auch genannt wird, ist trotz seiner Abgeschiedenheit relativ leicht zu erreichen. Es befindet sich im Westen der schwedischen Provinz Jämtland, nordwestlich von Jämtlands Hauptstadt Östersund. Von Östersund, bzw. von Norwegen auf der E14 kommend, nimmt man in Järpen die Abzweigung Richtung Kall (Landstrasse 336) und erreicht nach etwa siebzig Kilometern Fahrt durch die Bilderbuch-Landschaft entlang des riesigen Kall-Sees das kleine Dörfchen Kallsedet.

Direkt am See Juvuln gelegen, könnte der dortige, kleine Campingplatz mit Lebensmittelgeschäft und Tankstelle vielleicht Ihre erste Station im Zielgebiet werden. Neben dem üblichen Sortiment solcher Geschäfte, kann man hier auch topographische Karten über diese Gegend erwerben und sich mit Insektenschutzmitteln und allerlei nützlichem Kleinkram eindecken, den man während einer Paddeltour durch die schwedische Vildmark dabei haben sollte. Sie können hier zelten, Ihr Wohnmobil aufstellen oder eine der Hütten mieten, falls Ihnen dieser Platz gefällt. Wenn Sie sich aber längere Zeit in diesem Gebiet aufhalten möchten – das können Sie wegen der hervorragenden und vielfältigen Paddelmöglichkeiten ohne weiteres – und auf ein wenig mehr Komfort, sowie ein beeindruckendes Gebirgspanorama nicht verzichten möchten, würde ich Ihnen aber auf jeden Fall die Weiterfahrt zum etwa zehn Kilometer davon entfernten Dorf Kolåsen empfehlen.

Bild

An einen Hang geschmiegt, gilt Kolåsen als absoluter Geheimtipp für Freunde des schwedischen Fjälls. Von dem kleinen Hotel des Ortes hat man einen tollen Ausblick über die beiden „Hausseen“ Äcklingen und Nordfjärden auf das von hier greifbar nahe Gebirgsmassiv Skäckerfjäll. Seit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gibt es dies Fjällhotel, zu dessen prominenten Gästen auch Winston Churchill gehörte. Das nach deutschen Maßstäben eher schlichte Hotel, bietet neben Zimmern auch einige, hoch am Berghang gelegene, einfache 4-Bett-Hütten mit Panoramablick, zu denen ein abenteuerlich zu befahrender, steiler und unebener Schotterweg hinaufführt. Wegen der Aussicht sehr zu empfehlen! Zwischen Haupthaus und Hütten befindet sich eine Wiesenfläche mit Servicehaus für Camper. Mietkanus stehen für Hotelgäste oder andere zahlende Kunden am Ufer des Äcklingen bereit und ein Wanderweg führt vom Tal aus direkt in die Berge. Alles in allem ist dies ein hervorragendes, zentral gelegenes Basislager für Tagestouren auf den zahlreichen Wasserflächen der Umgebung und eine Menge anderer Aktivitäten im und rund um das Gebirge Skäckerfjäll.

Bild

Wasserfläche gibt’s dort reichlich und dem Reiz der Landschaft kann man sich nur schwer entziehen. Man paddelt durch eine urig-schöne Naturlandschaft, die nur sehr selten von kleinen, kultivierten Flächen um die wenigen Einödhöfe unterbrochen wird - eine eigenartige Mischung aus Allgäu und Alaska. Kallsjön, Torrön, Juvuln, Anjan, Stor-Rensjön, Stor-Burvattnet und Stor-Mjölkvattnet heißen die größeren Seen dieser Gegend. Mit rund sechzig Kilometern Länge ist der Kallsjö hierbei das größte Gewässer und während der Sommermonate lädt das kleine Ausflugsschiff „MS Drottning Sofia“ zu einer beschaulichen Fahrt über diesen Wasserriesen ein. Der Stor-Rensjön ist ein echter Wildnissee und nur über aufwändige, lange Portagen zu erreichen, aber auch Anjan und Juvuln haben - trotz des einseitigen Strassenanschlusses - einen sehr ähnlichen Charakter, ebenso mein Favorit, der etwa dreissig Kilometer lange und flächige Torrön. Richtigen Urwald gibt es dort überall, doch die ältesten Baumbestände findet man bei den Zwillingsseen Stor-Burvattnet und Stor-Mjölkvattnet.

Bild

Fairerweise darf ich Ihnen aber nicht verheimlichen, dass die Betreiber der dortigen Kraftwerksgesellschaften in den letzten Jahren um die Sicherheit verschiedener, in den sechziger Jahren erbauten Dämme fürchten und aus diesem Grunde das Wasserniveau recht niedrig halten. Gerade Torrön, Anjan und Juvuln präsentieren sich jetzt mit breiten, teilweise steinigen Randstreifen. Schärenartige Uferabschnitte wurden zu Klippen, Einmündungen von Wildbächen und Kleinflüssen zu Wasserfällen. Inseln und Felsrücken tauchten aus dem Wasser auf und so manche ehemals langweilige Bucht schmückt sich nun mit weißem Sandstrand und bietet völlig neue Bade- und Zeltmöglichkeiten.

Bild

Startpunkte für Tagestouren finden sich überall im Gebiet. Die teilweise nah am Ufer vorbeiführenden Schotterstrassen machen kurze und einfache Transportwege zum Wasser möglich. Falls Sie die etwas härtere „Gangart“ à la Lederstrumpf bevorzugen und wochenlang mit dem Boot in der Wildnis verschwinden möchten – kein Problem! Ein Teil der größeren Seen ist durch - bei entsprechendem Wasserstand - befahrbare Abläufe mit einander verbunden. Die Kraftwerksanlagen an den Abläufen müssen allerdings umtragen werden. Somit bieten sich Strecken an, die selbst den Kilometerfressern unter den Kanuten einen erfüllten Urlaub auf der Wasserseite bieten. Aber Vorsicht! Die interessanteren Routen führen auf den strassenabgewandten Seiten der Seen über weitgehend offene und windanfällige Abschnitte durch echte, weglose Wildnis und erfordern neben entsprechender Erfahrung eine expeditionsartige, robuste und gut durchdachte Ausrüstung. Die Bergseen sind auch im Sommer kalt und Felsblöcke, die teilweise weit entfernt vom Uferbereich dicht unter der Wasseroberfläche lauern, machen einem das Kentern bei unmittelbar auftretenden Fallwinden und den damit verbundenen Wellen leicht. Uferfelsen und Geröllhaufen aus der letzten Eiszeit lassen das Anlanden bei solchem Wetter mancherorts zu einem echten Abenteuer werden.

Bild

Von gemütlichen Tagesausflügen bis zu harten, längeren Paddeltouren - diese Gegend hat dem naturverbundenen Kanuten eine Menge zu bieten. Ich selbst lebe mit meiner Lebensgefährtin seit etlichen Jahren im knapp dreihundert Kilometer südlich davon gelegenen und ebenfalls naturschönen Härjedalen, doch immer wieder – wenn wir eben die Zeit dazu finden - zieht es uns ins obere Kall-Gebiet, einer echten „Perle“ im schwedischen Fjäll und einem Paradies für alle Naturfreunde und Hobby-Waldläufer unter den Paddlern.

Bild



Infos zum oberen Kall-Gebiet

Bild

Beste Reisezeit:

Juni bis September. Jeder Monat hat seine Vorzüge. Im Juni ist es in Jämtland auch in der Nacht noch fast taghell und der Juli ist erfahrungsgemäß der wärmste Monat. Im August sind Blau- und Multebeeren reif und sogar Pfifferlinge gibt es dann dort. Ende August kann es in den Bergen schon die ersten, leichten Nachtfröste geben, welche die nervenden Mücken, Gnitzen, Kriebelmücken und Bremsen beseitigen. Der Herbst mit noch durchaus angenehmen Tagestemperaturen und klarer Luft hält dann Einzug ins Fjäll. Die für das Auge schönste Jahreszeit beginnt - die schwedische Antwort auf den kanadischen „Indian Summer“.

Anreise:

Am bequemsten, aber in der Hauptsaison nicht gerade billig sind die Fährverbindungen der Color Line, Kiel –Oslo und Fredrikshavn-Oslo. Weiter geht es dann mit dem Auto durch Norwegen über Landstrassen zum Zielgebiet im schwedischen Jämtland. Von Oslo aus sind es dann noch etwa 750 Kilometer Fahrt bis Kallsedet. Für die Anreise über Schweden gibt es einige Fährverbindungen, wie z. B. die der schwedischen Fährgesellschaft Stena Line. Wem der lange Fahrweg nichts ausmacht, kann auch die neue Öresund-Brücke benutzen, welche Dänemark mit Schweden verbindet. Alternativ dazu gibt es Flugverbindungen von Deutschland über Stockholm bis Östersund, wo man am Flughafen Leihwagen oder auch Wohnmobile mieten kann. Von einer Anreise nur mit Bus und Bahn ist aufgrund des fehlenden Verkehrsnetzes im Zielgebiet eher abzuraten.

Unterkunft und Camping:

Wie Sie vielleicht wissen, gilt in Schweden das Allemansrätten (Jedermannsrecht), welches u.a. besagt, das man außer Sichtweite von deutlich erkennbaren oder markierten Privatgrundstücken mindestens eine Nacht campen darf. Ansonsten gibt es neben dem im Bericht bereits beschriebenen Campingplatz Juvulns Camping in Kallsedet und Kolåsens Fjällhotel noch eine Herberge mit Restaurant. Diese Unterkunft nennt sich Anjans Fjällstation und liegt direkt am See Anjan. Meines Wissens öffnet die Fjällstation aber erst zu Mittsommer, also am Wochenende nach dem 21. Juni. Außerdem gibt es natürlich auch die Möglichkeit, sich über das zuständige Touristenbüro in Åre nach einem privat vermieteten Haus in dieser Gegend zu erkundigen. Diese Häuser und Hütten finden Sie übrigens auch auf den Internetseiten des Touristenbüros.

Kanuvermieter im Gebiet:

Anjans Fjällstation und Kolåsens Fjällhotell


Essen und Trinken:

Anjans Fjällstation und Kolåsens Fjällhotell


Tankstelle und Kartenmaterial:

Juvulns Camping


Einkaufsmöglichkeiten:

Järpen: Mehrere Supermärkte, kleine Geschäfte, Banken, Apotheke und Lundhags, der bekannte, schwedische Hersteller von Outdoor-Produkten (Fabrikverkauf).
Kallsedet: Im eigentlichen Zielgebiet gibt es nur den Gemischtwarenladen auf Juvulns Camping.


Nützliche Adressen:

Touristenbüro in Åre:

Åre Turistbyrå
St: Olofsväg 35
830 13 Åre
Telefon: 0046-647-17720
Fax: 0046-647-17712
Internet: www.areturistbyra.com

Anjans Fjällstation
Anjan
830 05 Järpen
Telefon: 0046-647-82017
E-Mail: anjansfjallstation@telia.com

Juvulns Camping
Kallsedet
830 05 Järpen
Telefon: 0046-647-80173

Kolåsens Fjällhotell
Kolåsen
830 05 Järpen
Telefon: 0046-647-81017
E-Mail: info@kolasen.se
Internet: www.kolasen.se

Color Line GmbH
Norwegenkai
24143 Kiel-Gaarden
Postfach 6080
kundendienst@colorline.com
Internet: www.colorline.com
Zuletzt geändert von kanot am 22. März 2009 11:21, insgesamt 1-mal geändert.
Advertisement
Karsten
Site Admin
Beiträge: 14531
Registriert: 9. Juni 2008 00:52
Wohnort: Lübeck
Hat sich bedankt: 2 Mal
Danksagung erhalten: 54 Mal

Beitrag von Karsten »

Tolle Fotos und hilfreiche Adressen; vielen Dank, Peter!
Benutzeravatar
wölfchen
Beiträge: 758
Registriert: 5. August 2005 09:52
Wohnort: Nordhessen

Beitrag von wölfchen »

Klasse Bericht und tolle Fotos.

Wir waren in 2007 in der Region, aber nur kurz, einmal mit dem Auto die Runde gefahren. Wir waren sehr angetan von der großartigen Landschaft.

Angespornt durch Deinen Bericht werde ich mal versuchen, die Gegend in den diesjährigen Herbsturlaub einzuplanen. Mal sehn, was dabei raus kommt.
Benutzeravatar
kanot
Beiträge: 210
Registriert: 22. Oktober 2006 18:15
Wohnort: Westliches Härjedalen, mitten im Wald.
Danksagung erhalten: 4 Mal

Beitrag von kanot »

Danke euch allen!

Ein plattdeutsches Sprichwort sagt:

"Wat dem einen sin Uhl, is dem anderen sin Nachtigal!"

Es freut mich wirklich sehr, dass euch der Bericht gefällt. Vielleicht lege ich demnächst noch `was nach, mal sehen.

Also - danke nochmals! Euch allen erstmal ein schönes Wochenende und dann sagen wir mal bis bald!

Peter
guesch47
Beiträge: 1140
Registriert: 6. April 2009 16:20

West-Jämtland

Beitrag von guesch47 »

Hallo kanot,
klasse Bericht.Weiter so.In der Gegend muß ich auch gewesen sein.Muß mir
aber die Aufzeichnungen anschauen.Um Äre waren wir 3 Tage.Sehr gut gelegen u.im Winter muß es Toll aussehen.
guesch47 :fahne: :gruebel:
Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste