Smartphone und Visacard in Schweden
Verfasst: 4. August 2013 16:32
BULERBYN AUTOMATISIERT - AUS FÜRS BARGELD IN SCHWEDEN
Bin just aus meinem Paradies zurückgekehrt: Drei Wochen Småland und Sörmland bei sommerlichen Hochtemperaturen, wie man sie in Schweden nicht alljährlich serviert bekommt. Habe meine Freunde in Gnesta getroffen, viele gute Gespräche geführt, war auch im Kino und habe den neuen Göteborger Film „Känn ingen sorg“ gesehen, bin noch ganz in der Musik der Sprache meines Herzens gefangen und mische wild Deutsch und Schwedisch durcheinander, så är det bara! Erholung pur, könnte man denken, eller hur?
Men – aber: Wie kommt man in Schweden eigentlich mit dem Zug voran? Wie kommt man in Stockholm aufs öffentliche Klo? Wie kauft man im ABBA-Museum eine Postkarte? Wie tankt man eigentlich? Und wie komme ich in den Genuss des Audio-Guides in der aktuell laufenden Carl-Larsson-Ausstellung in Stockholm?
Waren da nicht irgendwann nur der Nordhof, der Mittelhof und der Südhof? Wo man über einen Kirschbaum von A nach B gelangte, sich per Zwirnsfaden gegenseitig unbemerkt Zähne zog und schriftliche Botschaften in Streichholzschachteln an kleinen Seilbahnen versandte?
Ach, wäre es doch noch so einfach! Ach könnte man doch noch ein Zugticket lösen, indem man zum Bahnhof geht, den Schalter aufsucht, sagt, wohin man möchte, Bargeld hinlegt und ein Stück Papier in die Hand bekommt, mit dem man dann in den Zug steigt!
Konkret:
Von Ljungby nach Gnesta
Ich wollte mit dem Zug von Ljungby nach Gnesta. Unkomplizierte Strecke, i och för sig. Da die Järnvägstation Ljungby mittlerweile für Züge eingestellt ist, fahren von dort aus nur noch Busse, so auch nach Alvesta, wo noch Züge fahren. Schade, aber nicht schlimm. Die Busse sind bequem und zuverlässig. Das heißt allerdings, dass man in Ljungby kein Zugticket mehr kaufen kann: Ljungby und Värnamo sind „obemannade“, also ohne Service durch Menschen. Auch ein Automat ist nicht installiert. Man kauft sich gewöhnlich sein Zugticket per Internet und druckt es zu Hause aus oder hat es auf seinem Smart-phone. Ein Smartphone besitze ich noch nicht. Das liegt daran, dass ich alles immer erst zehn Jahre nach den anderen besitze; habe mir doch gerade erst mein erstes Handy zugelegt und mich noch nicht einmal damit richtig angefreundet! Natürlich hätte ich mein Ticket schon von Deutschland aus buchen können, aber ich wollte die Auslandsüberweisung umgehen. Ich erfuhr nun von netten schwedischen Leuten, dass ich nicht wie wild durch die Gegend fahren müsse, bis ich einen echten Bahnhof fände. Man könne bei SJ (Svenska Järnvägar) anrufen, sein Biljett bestellen und per Visacard bezahlen; dann erhalte man einen Anruf auf sein Handy und bekomme einen Nummercode mitgeteilt, mit dem man dann kurz vor Fahrtantritt sein Biljett am Bahnhof aus einem Automaten ziehen könne. Das klang nicht schlecht, zumal ich wusste, dass ich in Alvesta zehn Minuten für diesen Act Zeit haben würde. Wenn also keine Schlange an besagtem Automaten stünde, würde ich es schaffen.
Nun stellte sich während des Telefonats mit SJ heraus, dass weder meine nichtschwedische Handynummer noch meine nichtschwedische Postbank-Visacard akzeptiert wurden. Ich wusste genau, welchen Zug ich nehmen wollte, Datum, Uhrzeit, alles. Aber ich war deutsch. Da war nichts zu machen. Ich hatte keine Chance, selbstständig mein Biljett zu buchen. Behilflich war mir dann die nette Schwedin von nebenan, die sowohl ihre Handynummer als auch ihre Visacard geltend machte, mir das Geld vorschoss und darauf vertraute, dass sie es von mir zurückbekäme. Dieses Vertrauen betrachte ich als eine noble schwedische Eigenschaft! Wie dankbar ich ihr war – und sie akzeptierte sogar kontantbetalning!
Die Reise ging dann sehr gut. Die Busfahrt Ljungby-Alvesta kostet übrigens mit Visacard 52 SEK, bei Barzahlung 72 SEK. Hier wurde meine deutsche Visacard wiederum problemlos akzeptiert.
Warum ich überhaupt eine Visacard besitze
Ja, das ist auch so eine Sache: Vor zwei Jahren waren wir erstmals aufgeschmissen, nachdem wir glücklich in der schwedischen Wallachei angekommen waren und dann feststellten, dass wir in dieser Gegend nicht mehr mit Bargeld tanken konnten. Da standen wir mit unseren schönen schwedischen Geld, das man nicht essen und mit dem man keinen Motor in Gang bringen kann, hatten kaum noch Benzin und waren darauf angewiesen, uns eine Tankladung von einem völlig fremden Mann bezahlen zu lassen, um dann in die nächstgrößere Stadt fahren zu können, wo es auch noch die Bargeldsäulen gab. Man fühlt sich wie ein Patient der dritten Klasse.
Toan im Kulturhuset
Wenn ich durch Stockholm gehe, genieße ich die frische Luft, die leichten, fast schwebenden Schären, über die sich die Stadt verteilt, die Enge und Farbenfreude der Gassen in Gamla Stan und das Herumfahren mit dem Dygnsbiljett (das man glücklicherweise noch bar bezahlen kann, indem man im Pressbyrån Geld auf eine kleine blaue SL-Karte lädt).
Nach einer gewissen Zeit lässt meine eigene Leichtigkeit aber spürbar nach, denn der Morgentee will raus, und jedes Mal überlege ich, ob mir dies Bedürfnis 10 SEK wert ist oder nicht. Manchmal finde ich eine Alternative zu den öffentlichen Toilettenhäusern. Zum Beispiel hat die Tyska Kyrka ein Kirchencafé, wo man auf Toilette gehen darf, wenn man für 10 SEK einen Blandsaft zu sich nimmt. Das hat den Vorteil, dass man über den Toilettenbesuch hinaus noch etwas für sein Geld bekommt, aber auch den Nachteil, dass man schon recht bald wieder auf Toilette muss, und dann stellt sich die Frage, wie oft am Tag man das mitmachen will. Ich erinnerte mich bei einem meiner letzten Stockholm-Besuche plötzlich, dass ich in den 90er Jahren immer gern in die Bibliothek des Kulturhuset am Sergels Torg gegangen bin; da war der Toilettenbesuch gratis. Ich lief also neugierig dorthin, und richtig: Es war immer noch so. Der Toilettenbesuch sollte nichts kosten, was ich fast schon wieder zu wenig fand dafür, dass ich ungefähr einen halben Liter loswerden wollte und Spülwasser verbrauchte. Jedenfalls freute ich mich sehr und wollte die Tür aufmachen, da entdeckte ich, dass daneben ein neuer Apparat mit Zahlen installiert war, wo man einen Code eingeben sollte. Dafür gab es folgende Anweisung: „Rufe die Telefonnummer XY an, so bekommst du in Kürze den Code für diese Tür per SMS mitgeteilt!“ Tja – mein Handy hatte ich an diesem Tag nicht dabei. Das war´s dann! Und so ging ich dann doch wieder in ein Café mit Münzklo.
Die ABBA-Postkarte für meine Freundin in Leipzig
Ich finde ABBA okay. Dass es jetzt ein ABBA-Museum gibt, finde ich auch okay. Es interessiert mich allerdings nicht besonders. Da ich abba eine Freundin habe, die ganz verrückt nach ABBA ist, bin ich letzte Woche mit der Djurgårdsfärjan von Slussen nach Djurgården übergesetzt, um zumindest den Museumsshop zu besuchen und dort etwas Kleines für sie auszusuchen. Schon vor dem Museum war viel los; ohne Kartenvorbestellung wäre ich sowieso nicht hineingekommen. Im Shop herrschte großes Gedränge, und ich sah einen Haufen kitschig designter ABBA-Produkte. Ich entschied mich schließlich für einen kleinen platten Kühlschrank-Magneten, der die vier Künstler auf einer Parkbank zeigte, zwei davon in einen innigen Kuss vertieft. Na, das passt, dachte ich. Ich hatte nämlich extra einen Briefumschlag dabei. Der sollte original in Stockholm abgestempelt sein. Ich nahm den Magnet und stellte mich also in die Schlange an der Kasse, bis ich endlich dran war. Att köa, nennt man das. Stå i kö, alltså. Das Geld suchte ich schon mal heraus, um alles schnell abwickeln zu können. „Kann jag få en liten papperspåse?“, fragte ich die Kassiererin. Sie bedauerte, zog aber eine riesige Plastiktüte hervor, die ich dankend ablehnte. Dann wollte ich bezahlen. Nix! Ging nur mit Visacard! Und die hatte mein Mann bei sich im Paddelboot irgendwo in Småland.
„Hur gör vi nu?“, fragte ich die Kassiererin. Keine Chance. Ich war jetzt ziemlich sauer und ließ die Tante grußlos stehen. Meine Leipziger Freundin musste mit einer SMS vorlieb nehmen – denn jedenfalls mein Handy hatte ich diesmal dabei …
Der Audio-Guide
Vom ABBA-Museum zog ich direkt weiter zur Konstakademie in der Fredsgatan, wo zur Zeit eine Ausstellung mit dem Titel „Carl Larsson - hans vänner och ovänner“ läuft. Erstens regnete es, zweitens musste ich wieder auf Toilette, drittens kenne ich Carl Larsson nur aus den Bildbänden meiner Mutter. Ich wollte seine Bilder gern im Original kennenlernen.
Zu der Ausstellung ist nicht sonderlich viel zu sagen. Sie besteht aus drei Räumen, ist also sehr überschaubar, und ich hätte gern einige Erklärungen gehabt. aber auf meine Frage nach einem Audio-Guide erhielt ich die freundliche Antwort: „Ja, selbstverständlich. Du bekommst ihn per App auf dein Smartphone!“
Schon wieder stand ich dumm da – mit meinem Handy, das kein Smartphone ist.
Intensivstation Zug
Auf der Zugreise von Stockholm nach Malmö fiel mir auf, dass jeder Zugreisende sein Smartphone dabei hatte. Die Apparate wurden wie selbstverständlich im Zug eingestöpselt. Man hatte sie vor sich liegen, die Hand leicht darauf abgelegt, die Ohren mit Hörstöpseln versehen – jede und jeder für sich verkabelt mit der eigenen Internetwelt. Es sah fast aus wie auf einer Krankenhausstation. Als hätte jeder seinen Herzschrittmacher vor sich liegen. Der Schaffner ging herum und kontrollierte die Smartphones. Als ich ihm mein Schriftstück entgegenhielt, zog er die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts.
Fazit
In Deutschland brauche ich den ganzen Krempel nicht. Ich höre wenig Musik, ich halte mich ungern im Internet auf, ich liebe es zu schreiben, aber nicht ohne fühlbare Tastatur, ich traue meinen Sinnen und fühle mich unabhängig. Ich kommuniziere gern sowohl schriftlich als auch direkt, gehe gern an den Schalter und kaufe dort mein Ticket, aber wenn es nicht anders geht, nehme ich auch mit Automaten vorlieb, Hauptsache Barzahlung.
Nur, wenn es nach Schweden geht, kehrt sich alles um. Da bin ich die Abhängige, die die draufzahlt, wenn sie bar zahlt, die, die andere um Hilfe bitten muss, die, die ohne Handy nicht aufs Klo und ohne Visacard kaum an Benzin kommt.
Der technische Fortschritt, dem mich anzupassen mir einfach nicht gelingen will, scheint mir gleichzeitig ein Rückschritt zu sein, weil es kein Oder mehr gibt. Ohne Visacard - gar nicht. Ohne Smartphone - gar nicht.
Wie frei sind wir also – mit oder ohne?
Bin just aus meinem Paradies zurückgekehrt: Drei Wochen Småland und Sörmland bei sommerlichen Hochtemperaturen, wie man sie in Schweden nicht alljährlich serviert bekommt. Habe meine Freunde in Gnesta getroffen, viele gute Gespräche geführt, war auch im Kino und habe den neuen Göteborger Film „Känn ingen sorg“ gesehen, bin noch ganz in der Musik der Sprache meines Herzens gefangen und mische wild Deutsch und Schwedisch durcheinander, så är det bara! Erholung pur, könnte man denken, eller hur?
Men – aber: Wie kommt man in Schweden eigentlich mit dem Zug voran? Wie kommt man in Stockholm aufs öffentliche Klo? Wie kauft man im ABBA-Museum eine Postkarte? Wie tankt man eigentlich? Und wie komme ich in den Genuss des Audio-Guides in der aktuell laufenden Carl-Larsson-Ausstellung in Stockholm?
Waren da nicht irgendwann nur der Nordhof, der Mittelhof und der Südhof? Wo man über einen Kirschbaum von A nach B gelangte, sich per Zwirnsfaden gegenseitig unbemerkt Zähne zog und schriftliche Botschaften in Streichholzschachteln an kleinen Seilbahnen versandte?
Ach, wäre es doch noch so einfach! Ach könnte man doch noch ein Zugticket lösen, indem man zum Bahnhof geht, den Schalter aufsucht, sagt, wohin man möchte, Bargeld hinlegt und ein Stück Papier in die Hand bekommt, mit dem man dann in den Zug steigt!
Konkret:
Von Ljungby nach Gnesta
Ich wollte mit dem Zug von Ljungby nach Gnesta. Unkomplizierte Strecke, i och för sig. Da die Järnvägstation Ljungby mittlerweile für Züge eingestellt ist, fahren von dort aus nur noch Busse, so auch nach Alvesta, wo noch Züge fahren. Schade, aber nicht schlimm. Die Busse sind bequem und zuverlässig. Das heißt allerdings, dass man in Ljungby kein Zugticket mehr kaufen kann: Ljungby und Värnamo sind „obemannade“, also ohne Service durch Menschen. Auch ein Automat ist nicht installiert. Man kauft sich gewöhnlich sein Zugticket per Internet und druckt es zu Hause aus oder hat es auf seinem Smart-phone. Ein Smartphone besitze ich noch nicht. Das liegt daran, dass ich alles immer erst zehn Jahre nach den anderen besitze; habe mir doch gerade erst mein erstes Handy zugelegt und mich noch nicht einmal damit richtig angefreundet! Natürlich hätte ich mein Ticket schon von Deutschland aus buchen können, aber ich wollte die Auslandsüberweisung umgehen. Ich erfuhr nun von netten schwedischen Leuten, dass ich nicht wie wild durch die Gegend fahren müsse, bis ich einen echten Bahnhof fände. Man könne bei SJ (Svenska Järnvägar) anrufen, sein Biljett bestellen und per Visacard bezahlen; dann erhalte man einen Anruf auf sein Handy und bekomme einen Nummercode mitgeteilt, mit dem man dann kurz vor Fahrtantritt sein Biljett am Bahnhof aus einem Automaten ziehen könne. Das klang nicht schlecht, zumal ich wusste, dass ich in Alvesta zehn Minuten für diesen Act Zeit haben würde. Wenn also keine Schlange an besagtem Automaten stünde, würde ich es schaffen.
Nun stellte sich während des Telefonats mit SJ heraus, dass weder meine nichtschwedische Handynummer noch meine nichtschwedische Postbank-Visacard akzeptiert wurden. Ich wusste genau, welchen Zug ich nehmen wollte, Datum, Uhrzeit, alles. Aber ich war deutsch. Da war nichts zu machen. Ich hatte keine Chance, selbstständig mein Biljett zu buchen. Behilflich war mir dann die nette Schwedin von nebenan, die sowohl ihre Handynummer als auch ihre Visacard geltend machte, mir das Geld vorschoss und darauf vertraute, dass sie es von mir zurückbekäme. Dieses Vertrauen betrachte ich als eine noble schwedische Eigenschaft! Wie dankbar ich ihr war – und sie akzeptierte sogar kontantbetalning!
Die Reise ging dann sehr gut. Die Busfahrt Ljungby-Alvesta kostet übrigens mit Visacard 52 SEK, bei Barzahlung 72 SEK. Hier wurde meine deutsche Visacard wiederum problemlos akzeptiert.
Warum ich überhaupt eine Visacard besitze
Ja, das ist auch so eine Sache: Vor zwei Jahren waren wir erstmals aufgeschmissen, nachdem wir glücklich in der schwedischen Wallachei angekommen waren und dann feststellten, dass wir in dieser Gegend nicht mehr mit Bargeld tanken konnten. Da standen wir mit unseren schönen schwedischen Geld, das man nicht essen und mit dem man keinen Motor in Gang bringen kann, hatten kaum noch Benzin und waren darauf angewiesen, uns eine Tankladung von einem völlig fremden Mann bezahlen zu lassen, um dann in die nächstgrößere Stadt fahren zu können, wo es auch noch die Bargeldsäulen gab. Man fühlt sich wie ein Patient der dritten Klasse.
Toan im Kulturhuset
Wenn ich durch Stockholm gehe, genieße ich die frische Luft, die leichten, fast schwebenden Schären, über die sich die Stadt verteilt, die Enge und Farbenfreude der Gassen in Gamla Stan und das Herumfahren mit dem Dygnsbiljett (das man glücklicherweise noch bar bezahlen kann, indem man im Pressbyrån Geld auf eine kleine blaue SL-Karte lädt).
Nach einer gewissen Zeit lässt meine eigene Leichtigkeit aber spürbar nach, denn der Morgentee will raus, und jedes Mal überlege ich, ob mir dies Bedürfnis 10 SEK wert ist oder nicht. Manchmal finde ich eine Alternative zu den öffentlichen Toilettenhäusern. Zum Beispiel hat die Tyska Kyrka ein Kirchencafé, wo man auf Toilette gehen darf, wenn man für 10 SEK einen Blandsaft zu sich nimmt. Das hat den Vorteil, dass man über den Toilettenbesuch hinaus noch etwas für sein Geld bekommt, aber auch den Nachteil, dass man schon recht bald wieder auf Toilette muss, und dann stellt sich die Frage, wie oft am Tag man das mitmachen will. Ich erinnerte mich bei einem meiner letzten Stockholm-Besuche plötzlich, dass ich in den 90er Jahren immer gern in die Bibliothek des Kulturhuset am Sergels Torg gegangen bin; da war der Toilettenbesuch gratis. Ich lief also neugierig dorthin, und richtig: Es war immer noch so. Der Toilettenbesuch sollte nichts kosten, was ich fast schon wieder zu wenig fand dafür, dass ich ungefähr einen halben Liter loswerden wollte und Spülwasser verbrauchte. Jedenfalls freute ich mich sehr und wollte die Tür aufmachen, da entdeckte ich, dass daneben ein neuer Apparat mit Zahlen installiert war, wo man einen Code eingeben sollte. Dafür gab es folgende Anweisung: „Rufe die Telefonnummer XY an, so bekommst du in Kürze den Code für diese Tür per SMS mitgeteilt!“ Tja – mein Handy hatte ich an diesem Tag nicht dabei. Das war´s dann! Und so ging ich dann doch wieder in ein Café mit Münzklo.
Die ABBA-Postkarte für meine Freundin in Leipzig
Ich finde ABBA okay. Dass es jetzt ein ABBA-Museum gibt, finde ich auch okay. Es interessiert mich allerdings nicht besonders. Da ich abba eine Freundin habe, die ganz verrückt nach ABBA ist, bin ich letzte Woche mit der Djurgårdsfärjan von Slussen nach Djurgården übergesetzt, um zumindest den Museumsshop zu besuchen und dort etwas Kleines für sie auszusuchen. Schon vor dem Museum war viel los; ohne Kartenvorbestellung wäre ich sowieso nicht hineingekommen. Im Shop herrschte großes Gedränge, und ich sah einen Haufen kitschig designter ABBA-Produkte. Ich entschied mich schließlich für einen kleinen platten Kühlschrank-Magneten, der die vier Künstler auf einer Parkbank zeigte, zwei davon in einen innigen Kuss vertieft. Na, das passt, dachte ich. Ich hatte nämlich extra einen Briefumschlag dabei. Der sollte original in Stockholm abgestempelt sein. Ich nahm den Magnet und stellte mich also in die Schlange an der Kasse, bis ich endlich dran war. Att köa, nennt man das. Stå i kö, alltså. Das Geld suchte ich schon mal heraus, um alles schnell abwickeln zu können. „Kann jag få en liten papperspåse?“, fragte ich die Kassiererin. Sie bedauerte, zog aber eine riesige Plastiktüte hervor, die ich dankend ablehnte. Dann wollte ich bezahlen. Nix! Ging nur mit Visacard! Und die hatte mein Mann bei sich im Paddelboot irgendwo in Småland.
„Hur gör vi nu?“, fragte ich die Kassiererin. Keine Chance. Ich war jetzt ziemlich sauer und ließ die Tante grußlos stehen. Meine Leipziger Freundin musste mit einer SMS vorlieb nehmen – denn jedenfalls mein Handy hatte ich diesmal dabei …
Der Audio-Guide
Vom ABBA-Museum zog ich direkt weiter zur Konstakademie in der Fredsgatan, wo zur Zeit eine Ausstellung mit dem Titel „Carl Larsson - hans vänner och ovänner“ läuft. Erstens regnete es, zweitens musste ich wieder auf Toilette, drittens kenne ich Carl Larsson nur aus den Bildbänden meiner Mutter. Ich wollte seine Bilder gern im Original kennenlernen.
Zu der Ausstellung ist nicht sonderlich viel zu sagen. Sie besteht aus drei Räumen, ist also sehr überschaubar, und ich hätte gern einige Erklärungen gehabt. aber auf meine Frage nach einem Audio-Guide erhielt ich die freundliche Antwort: „Ja, selbstverständlich. Du bekommst ihn per App auf dein Smartphone!“
Schon wieder stand ich dumm da – mit meinem Handy, das kein Smartphone ist.
Intensivstation Zug
Auf der Zugreise von Stockholm nach Malmö fiel mir auf, dass jeder Zugreisende sein Smartphone dabei hatte. Die Apparate wurden wie selbstverständlich im Zug eingestöpselt. Man hatte sie vor sich liegen, die Hand leicht darauf abgelegt, die Ohren mit Hörstöpseln versehen – jede und jeder für sich verkabelt mit der eigenen Internetwelt. Es sah fast aus wie auf einer Krankenhausstation. Als hätte jeder seinen Herzschrittmacher vor sich liegen. Der Schaffner ging herum und kontrollierte die Smartphones. Als ich ihm mein Schriftstück entgegenhielt, zog er die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts.
Fazit
In Deutschland brauche ich den ganzen Krempel nicht. Ich höre wenig Musik, ich halte mich ungern im Internet auf, ich liebe es zu schreiben, aber nicht ohne fühlbare Tastatur, ich traue meinen Sinnen und fühle mich unabhängig. Ich kommuniziere gern sowohl schriftlich als auch direkt, gehe gern an den Schalter und kaufe dort mein Ticket, aber wenn es nicht anders geht, nehme ich auch mit Automaten vorlieb, Hauptsache Barzahlung.
Nur, wenn es nach Schweden geht, kehrt sich alles um. Da bin ich die Abhängige, die die draufzahlt, wenn sie bar zahlt, die, die andere um Hilfe bitten muss, die, die ohne Handy nicht aufs Klo und ohne Visacard kaum an Benzin kommt.
Der technische Fortschritt, dem mich anzupassen mir einfach nicht gelingen will, scheint mir gleichzeitig ein Rückschritt zu sein, weil es kein Oder mehr gibt. Ohne Visacard - gar nicht. Ohne Smartphone - gar nicht.
Wie frei sind wir also – mit oder ohne?