Hallo Torsten,
sorry, hat ein bisschen gedauert. Ich hatte nicht so viel Zeit.
Definieren wir doch erst einmal, worum es geht:
Anonymität im Forum, ja oder nein - und in welchem Ausmaß.
1. Die technische Sicht:
Es ist technisch nicht möglich in einem Internet-Forum die Identität der Teilnehmer zweifelsfrei festzustellen - es sei denn jeder Nutzer muss sich mit seinem Ausweis persönlich identifizieren und der Zugang wird per verschlüsseltem, biometrischem Login sichergestellt.
Solange man darauf verzichtet, wird es in Internet-Foren Menschen geben, die anonym sind und keine Angaben über sich machen (außer implizit durch die Natur ihrer Beiträge) oder aber solche, die unrichtige Angaben über sich machen.
Auch wird es immer Menschen geben, die persönliche Schwächen, die sie bei anderen entdecken (oder entdeckt zu haben glauben), auf unlautere Art auszunutzen versuchen, sei es durch persönliche Angriffe, sei es durch Manipulation und Beeinflussung.
Außerdem werden Foren von den großen Internet-Suchmaschinen durchsucht. Foren-Inhalte sind auch nach Jahren noch auffindbar. Was ich vor 15 Jahren irgendwo geschrieben habe, kann man heute noch wiederfinden. Das Internet vergisst nichts.
Manche Arbeitgeber screenen das Internet nach Informationen über einen Bewerber.
Auch für Kriminelle sind das ganz ausgezeichnete Voraussetzungen. Angaben, die man vielleicht in mehreren verschiedenen Internet-Foren, Blogs usw. über sich selber macht, können in manchen Fällen leicht zusammengetragen werden und ergeben ein größeres Ganzes.
Es macht also durchaus Sinn, die Angriffsfläche für persönliche Angriffe im Forum oder aber für Nachteile im "real life" dadurch zu verringern, dass man über das nachdenkt, was man hier von sich offenbart. In welchem Umfang man das tut, entscheidet jeder selbst.
2. Die psychologische Sicht:
=> Es ist richtig, dass ein Mensch unwillkürlich und unbewusst sich immer versucht ein "Bild" von seinem Gesprächspartner zu machen. Die Kategorien, nach denen er da vorgeht, sind von Mensch zu Mensch - innerhalb gewisser Grenzen - unterschiedlich.
Ich weiß, Du hast an dieser Stelle nicht behauptet, eine wissenschaftliche Darstellung zu liefern, aber für etwaige Mitleser ist es möglicherweise wichtig hier festzuhalten:
Die Kategorien, die Du anbietest,
Betreff: Über uns Foren Teilnehmer sind keine wissenschaftlichen Kategorien. Dazu fehlen ihnen wesentliche Merkmale (Eindeutigkeit, Vollständigkeit, Überschneidungsfreiheit).
Es sind die ganz individuellen, ganz persönlichen Denk-Kategorien des torsten1. (Mir wären sie zum Beispiel zu materialistisch.)
Daraus ergibt sich gleich die erste Schwierigkeit: Inwieweit kann sich nun bei irgendeinem Forums-Teilnehmer die Verpflichtung ergeben,
ausgerechnet Deine ganz individuellen Denkschemata mit Inhalt zu füllen?
Füllen musst Du sie selbst. Das Bild machst Du Dir selbst. Für Deine Mitmenschen besteht keinerlei Verpflichtung, Dich dabei zu unterstützen.
Auch mit Deiner eigenen von Dir gefühlten Unzufriedenheit, weil die Kategorien eventuell nicht passen oder weil Dir Informationen fehlen, musst Du selbst fertig werden, nicht die Anderen.
=> Es ist auch richtig, dass im Kommunikationsprozess zwischen Menschen das Selbstbild und das Fremdbild regelmäßig eine Rolle spielt - und zwar auf beiden Seiten: beim Sender wie beim Empfänger. Das ist bei allen Menschen so.
Aber: Es ist unterschiedlich stark ausgeprägt.
Es gibt nämlich durchaus Menschen, die sind in der Lage, das geschriebene Wort zu verstehen,
ohne zuvor Personalausweis und Einkommensteuererklärung des Autors eingesehen zu haben!
Es ist natürlich trotzdem wichtig zu wissen, dass Selbst- und Fremdbild immer mitschwingen. Aber die Lösung aller Kommunikationsprobleme liegt nicht darin, dass man nur möglichst viel über den Kommunikationspartner zu wissen braucht - und schon ist alles gut.
Nein, die Lösung liegt bei jedem Menschen selbst: Nämlich im verantwortungsvollen Umgang mit der Information, die er hat - und vor allem mit der, die er
nicht hat. Man muss auch sagen können: "Kann ich nicht bewerten."
Das Internet bietet hier wunderbare Möglichkeiten: Hier kann man Kommunikationsfähigkeiten lernen, die sonst vielleicht in einem langen Leben völlig an einem vorbei gegangen sind.
Statt des Musters: "ich mache mir ein Bild vom Gesprächspartner - danach bewerte ich, was er sagt" ist man im Internet teilweise gezwungen, genau umgekehrt vorzugehen: "ich bewerte das Gesagte - danach mache ich mir ein Bild vom Gesprächspartner". Auf diese Weise komme ich viel näher an ein Bild des
Menschen als es mit materialistischen Kategorien wie Alter, Geschlecht, Einkommen usw. möglich wäre. Ist das nicht viel "menschlicher"?
3. Die Kunst im Internet:
Die Kunst im Internet ist es, das Geschriebene zählen zu lassen. Und eben nicht das, was man sich selbst über den Gesprächspartner ausgedacht oder eingebildet hat, auch nicht das, was er von sich behauptet. Alter Beruf, soziale Stellung - all das kann ein Fake sein! Macht nix - für die Bewertung eines Argumentes ist es nämlich belanglos. Deine eigene Emotionalität ist
immer belanglos, für das, was jemand anderes
wirklich gesagt hat - auch im "real life". Sie verfälscht nur Deine Wahrnehmung. Hier im Internet kannst Du lernen, Deine eigenen Emotionen von dem zu trennen, was andere schreiben - und ihnen nicht
Deine Emotionen zum Vorwurf zu machen.
Die Kunst im Internet ist auch, Dein eigenes Geschriebenes von Deinen Emotionen zu trennen, die Du für eine "fiktive" Person im Netz empfindest. Denn auch wenn Du Dir ein "Bild" von einem Nick gemacht hast - Du
weißt nicht wirklich etwas über die Person. Du kannst es nicht wissen. Außerdem schreibst Du nicht nur für Deinen Gesprächspartner.
Das Ganze als eine bloße Zweier-Kommunikation zu sehen und die Pflicht für die ordnungsgemäße Bereitsstellung von "bewertungsfähigen Informationen" auf den Gesprächspartner zu projizieren, wäre sehr egozentrisch. Es würde der Situation im Internet nicht gerecht.
Wenn das nun Deinem warmen Fischherzen

zu emotionslos ist: Natürlich kannst Du auch Emotionen äußern - aber nur, solange sie sich nicht gegen andere Menschen richten, und Du musst Dir immer bewusst sein, dass es eben
Deine Emotionen sind und Andere wenig Verantwortung dafür trifft.
Diese Emotionen erzählen etwas über Dich. Schon die Kategorien, die Du oben aufgestellt hast,
Betreff: Über uns Foren Teilnehmer
erzählen eine ganze Menge über Dich. Und zwar über Dich ganz persönlich, nicht über Kommunikationswissenschaften, Soziologie oder über Psychologie.
Du schreibst es "der Welt". Für alle Ewigkeit.
Viele Grüße
Samweis